• Perspektive
  • Brot für die (Medien-)-Welt

    Von Nathalie Trappe

    Ein Resümee aus dem internationalen Medienzentrum des G20-Gipfels

    „Wasserwerfer, Tränengas. Alles viel zu weit weg, keine Welt so perfekt.“ Erst als der dröhnende Beat zu „Sirenen“ von Madsen auf der Rückfahrt von Hamburg in meinen Ohren bebt, beginnt in meinem Kopf langsam das Verarbeiten. Das Verarbeiten eines Wochenendes, das surrealer nicht hätte sein können. Ein ständiger Wechsel von Sicherheitskontrollen und Sirenengeheul, von hochklimatisierten Arbeitsräumen und verqualmten Straßen, von Anzugträgern und Menschen mit krankhaftem Wunsch nach Aufmerksamkeit.

    Doch fange ich vorne an: Als Pressevertreterin habe ich Zugang zum Internationalen Medienzentrum, in dem während des gesamten Gipfeltreffens Journalisten aus aller Welt um die die beste Berichterstattung ringen. Plötzlich befinde ich mich mittendrin in dieser Blase, die eine Art Vorstufe zu sein scheint von dieser Dekadenz der Politik.

    IMG_6350Voller Stolz betrete ich am ersten Tag den Eingang des Medienzentrums, es geht zur offiziellen Akkreditierungsausgabe, wo natürlich noch ein völlig unerwartetes und klischeehaftes Verbrecherfoto von mir für den Ausweis gemacht wird. Dann wird es ernst. Während sich die anderen mitgereisten student!-Redakteure auf den Weg an die Demo-Front begeben, werde ich den Abend auf der offiziellen Willkommensparty für die Presse verbringen. Im Programm hatte ich von Catering gelesen – das beschreibt allerdings nicht annähernd, was ich an diesem Abend erlebe. Es ist 17:30 Uhr: überall sprinten Kellner mit Tabletts voller Sektgläser und Bauchläden übersät mit Häppchen herum, um die Journalisten zu versorgen. „Für Sie noch ein Dinkelcracker mit Lachs und Pesto?“, läuft bald wie ein Echo in meinen Ohren. Um 18 Uhr entdecke ich dann das Buffet und erkenne die wahre Bedeutung vom erwähnten Catering. Ein riesiger Raum mit langen Tischen und Köchen zu jeder Seite offenbart hier rund um die Uhr Speisen, die wohl kaum mit der Uni-Mensa vergleichbar sind.  Auf der Bühne trällert derweil ein Shanty-Chor munter nordische Liederchen. Doch das scheint hier niemanden zu interessieren, allgemein kommen viele nur kurz zwischen den Arbeitsphasen hoch in die Lounge. Ein paar asiatische Pressevertreter fotografieren aufgeregt die Männer im Seemanns-Look auf der Bühne.

    Dann kommt ein für mich persönlich wichtigeres Highlight, denn nun tritt Hamburgs erster Bürgermeister Olaf Scholz auf die natürlich auch maritim gestaltete Bühne. Seine Aufgabe ist es nun, die Journalisten offiziell willkommen zu heißen. Wie aufregend, denke ich, denn ich stehe nur wenige Meter vor  Menschen, die wir ja sonst eher nur im TV live sehen. Die Enttäuschung folgt auf dem Fuße. Vielleicht bin ich durch mein Sprachstudium vorgeschädigt, jedenfalls schäme ich mich in Grund und Boden, als Scholz voller Überzeugung seinen englischen Text runterrattert. Nicht jeder muss Fremdsprachen perfekt beherrschen. Doch gerade bei einem solchem Aufwand wäre es doch mit Sicherheit auch möglich gewesen, einen Dolmetscher zu engagieren. Aber dafür ist Deutschland mal wieder zu eitel. Später unterhalte ich mich mit einem jungen Kanadier, der mir erklärt, dass er besonders die reibungslose Organisation hier vor Ort als lobenswert empfindet. Stereotyp erfüllt. Der deutsche Vorzeigestaat mit Plänen für alles. In diesem Moment laufen sich auf Twitter die Meldungen heiß, die von der abgesagten „Welcome to hell“-Demonstration außerhalb unserer Blase berichten. Beruhigend, dass alles so gut geplant ist.

    Ich hingegen verbringe die nächsten Stunden weiter im durch totale Abschirmung sicheren Medienzentrum. Bei jedem Schritt, den ich hinter die Polizeizäune setze, muss ich meine Akkreditierung vorzeigen. Ab dem zweiten Tag wird daraufhin auf einer ewig langen Liste vom jeweiligen Polizisten sichergestellt, dass ich nicht zu denjenigen gehöre, denen diese bereits entzogen wurde. Pressefreiheit lässt grüßen. Jedes Mal laufe ich an dutzenden von Polizeiwagen vorbei. Ich blicke neugierig hinein in diese fast zu Wohnwagen gewordenen Transportern, in denen Einsatzkräfte schlafen und sich Bananenhaufen zur Stärkung türmen. Wie viele Polizisten aus ganz Deutschland verbringen hier wohl völlig unfreiwillig ihr Wochenende und müssen sich von allen Seiten anpöbeln lassen. Ich kenne selbst einige Polizisten, die hier sicher nicht freiwillig eingesetzt sind und deren Familien sich auch um diese Menschen sorgen.

    Am nächsten Tag erst wird mir bewusst, wie naiv meine Begeisterung für den netten Empfang war. Lassen wir mal außer Acht, dass mich Sirenen in der Minute empfingen, als ich aus dem Medienzentrum trete. Ab der nächsten Querstraße schiebe ich meine Akkreditierung dann nur schnell in die Tasche, um in diesem Getümmel nicht noch Gewalt zu provozieren, eine Frau hatte mir das am Vorabend zugerufen, als ich mir durch die Aufstände im Schanzenviertel meinen Weg zum Hostel bahnte. Und wie oft stehen neben mir andererseits beim Verlassen der Sicherheitszone traurige und wütende Menschen, die sich in ihrer eigenen Stadt nicht frei bewegen dürfen. Zwar war in den meisten Stadtteilen Hamburgs kaum etwas außer Straßensperrung vom Gipfel mitzubekommen, doch die Bewohner des Schanzenviertels haben sicher schon entspanntere Wochenenden erlebt. In meinen Augen wäre es für alle deutlich ungefährlicher gewesen, den Gipfel an einen Ort zu verlegen, der nicht ohnehin schon für aufgeheizte Gemüter bekannt ist. Hier wird sowohl Medien als auch Schaulustigen lediglich eine Plattform geboten, die Welt so dramatisch zu zeichnen wie es nur geht.

    IMG_6336Was mir im Medienzentrum insgesamt am meisten Angst gemacht hat ist, dass es hier nur um die Journalisten geht. Wenn schon mir Rührei, Pancakes und kiloweise Früchte zum Frühstück gereicht werden, was haben dann unsere hoch verehrten Staatsgäste auf ihren Tellern? Und wenn selbst ich lieber verdrängen möchte, wie viel von den Resten unbeachtet in den Müll wandern, wie ehrlich kann dann die Diskussion der G20 über die Situation in Afrika sein? Genauso wie ich die sinnlose Gewalt auf den Hamburger Straßen an diesem Wochenende verurteile, ist mir auch die Verschwendung auf jeder Ebene zu wider. Es war eine unglaubliche Erfahrung, Teil des professionellen Journalismus sein zu dürfen und ich kann auch immer noch behaupten, dass ich irgendwann mal über die Pressekonferenz von Donald Tusk hinauskommen möchte – was nicht bedeutet, dass nicht hier schon ein kleiner Funken Stolz in mir aufloderte. Dann bin ich aber voll und ganz einverstanden, wenn mein Arbeitsplatz sich nicht in einem der Brennpunktviertel einer Großstadt befindet, es ein Gericht pro Tag gibt und ich nicht beobachten muss, wie Kellner nach Bier für jemanden rennen, der keinen Cent dafür bezahlen wird.

    Vielleicht sollte  nicht nur die Politik von ihrem Thron steigen, sondern wir alle mit unserer Einstellung als Industrieland. Macht kann für so viel bessere Dinge eingesetzt werden als für gegrillte Dorade, Polizeieinsätze und Workshops, bei denen Journalisten den Seemannsknoten lernen. Ich für meinen Teil werde noch eine Weile brauchen, all diese Erlebnisse zu verarbeiten. Das mag drastisch klingen. Doch ich habe die Sirenen gehört und das gleichnamige Lied hat für mich seit diesem Wochenende beinahe lebendige Bedeutung.

    Fotos: nt

     

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