• Perspektive
  • Aus Christian wurde Clara

    Von Theresia Lutz

    Ein anderes Geschlecht anzunehmen, ist in Deutschland schwierig

    Kann bei meiner Geburt etwas schiefgegangen sein?” Seit ihrer frühen Kindheit stellt sich Clara diese Frage. Die blonden, wohlgeordneten Haare, das anmutige Wesen, die ästhetisch gewählten Schritte, die mit einem schwarzen Faltenrock umhüllten schlanken Hüften, der gleichmäßig gezogene Lidstrich – alles in allem klassisch als weibliche Attribute definiert – lassen diese Frage unglaubwürdig klingen. Doch bis vor drei Jahren war Clara noch Christian.

    Das zwischen ihren Beinen kam ihr bereits in der frühen Kindheit komisch vor, denn nach ihrer Wahrnehmung war Christian eine Frau. Im familiären Umfeld von zwei Brüdern und einem sehr maskulinen Vater habe sie jedoch diese frühen Gedanken nicht zugelassen: „Ich habe es für mich nicht akzeptiert“, erzählt sie. Nie habe sie eine reale Möglichkeit in der Änderung ihres biologischen Geschlechts gesehen. Denn dafür hätte sie die Komfortzone, die sie als Christian umgab, verlassen müssen.

    Trans*

    Vor drei Jahren dann schließlich das Schlüsselerlebnis. Clara sah den Film „Mein Sohn Helen“, in dem der Protagonist Finn nach einem Auslandsaufenthalt als Helen zurückkehrt und von nun an als Frau leben möchte. Clara erkannte Parallelen zwischen ihr und der Protagonistin. Vor allem hin­sicht­lich ihrer Gefühlswelt fühlte sie sich legitimiert. Plötzlich wurden ihre Sehnsüchte aus der Kindheit in einen Kontext gesetzt: Clara ist transsexuell.

    Transsexualität bezeichnet in Deutschland den rechtlich korrekten Terminus für Transgeschlechtlichkeit. Eingeführt wur­de dieser Begriff bereits 1923 von dem deutschen Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld. Äquivalent dazu kann der Begriff Transgender verwendet werden, während hierbei jedoch der Fokus auf dem sozialen Geschlecht „Gender“ liegt. Beide Begriffe beschreiben dieselbe Situation: Die betroffenen Personen können sich, ob biologisch oder sozial, nicht dem Geschlecht zuordnen, das ihnen von Geburt an zugesprochen wird.

    Obwohl die Thematik bereits seit den 1920ern global gesellschaftliche Relevanz hat, steht international der Kampf um mehr Rechte und Anerkennung für LGBT+ Menschen (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) auf der Tagesordnung. Schätzungen zufolge wünscht sich heute einer von 12.000 biologischen Männern, eine Frau zu sein, während eine von 30.000 bio­lo­gischen Frauen gerne ein Mann wäre.

    Nach der Erkenntnis folgte für Clara eine lange Phase der Recherche. In verschiedenen Internetforen informierte sich die Leipzigerin zu persönlichen Erfahrungen Gleichgesinnter. Ständiges Abwägen und Zweifeln an ihren Gefühlen sowie das Für und Wider einer Geschlechtsangleichung waren für Clara Teil des Entscheidungsprozesses.

    Gefangen

    Was genau sie an dem Frau-Sein fasziniere, kann Clara nicht erklären. Es sei komplex. Stets stand aber für sie fest: „Ich würde gerne eine Frau sein“. Besonders in ihrer Jugendzeit empfindet Clara die soziale Interaktion als Hindernis. Gefangen im gesellschaftlichen Kor­sett kann sie als Christian nicht offenbaren, dass sie lieber die Farbe Rosa als Braun mochte. Sie schlägt ihre langen Beine übereinander: „Ich habe Gefühle anders erlebt, weil ich einen männlichen Körper hatte.“ Clara wollte in das gesellschaftliche Rollenverständnis passen. Sie beobachtete Christian, die Art und Weise wie er ging, wie er sprach oder wie er gestikulierte und versuchte das möglichst perfekt an die weibliche Wesensart anzugleichen. Kleine Freudenmomente habe Clara gehabt als sie erkannte, „da ist schon viel angelegt.“ Das mache ihr heute, als Frau, vieles einfacher.

    Clara1_hoch_mzDie Angleichung

    Mehr als ein Jahr habe der Beobachtungsprozess gedauert, bis sich Clara zu Beginn des Jahres 2016 zu dem ersten Schritt, dem Gang zum Psychologen, entschied. Dieser musste feststellen, dass die Patientin nicht schizophren sei, um nach rechtlicher Vorgabe Clara die „Transsexualität“ zu bescheinigen. Immer noch sucht die Wissenschaft nach biologischen Erklärungen für die Transsexualität. Tatsächlich war das Untersuchungsergebnis erstaun­lich: Das männ­liche Hormon Testosteron war in Claras Körper kaum zu finden. Wenn Clara den 4. Juli 2016 als Beginn der Hormonbehandlung nennt, schwingt Stolz und Freude in ihrer Stimme mit. Fast wie ein zweiter Geburtstag. Seither nimmt sie täglich zwei Präparate ein: Eines, das die Bildung von Testosteron blockiert und ein zweites, welches sie in Form einer Salbe zweimal täglich auf ihre Arme reibt. Darin sind die weiblichen Hormone enthalten, die zur äußeren Veränderung führen.

    Nach etwa zwei Monaten begannen die Brüste zu wachsen, die Haut wurde empfindlicher. Der Anfang war getan. Nun musste Clara ihre Entscheidung öffentlich machen. Durchweg positiv, wenn auch unsicher, habe ihr soziales Umfeld reagiert. Ihre Eltern hätten sich Sorgen gemacht, dass ihr Kind zum gefundenen Fressen für Anfeindungen werden könnte. Für die Großeltern sei die Geschlechtsangleichung jedoch gewissermaßen die konsequentere Form der Homosexualität gewesen. Denn ihrer Großmutter sei schon immer klar gewesen, ihr Enkelsohn würde mal einen Mann als Partner wählen. In ihrem Freundeskreis wurde die Entscheidung positiv und humorvoll aufgenommen.

    Ein halbes Jahr später wurden das Gesäß breiter und die Taille schmaler. Die Lippen wurden voller, die Wangen rund­licher und die männliche Rücken- und Brustbehaarung wurde nach dem ersten Epilieren auch weniger. „Manchmal bin ich vor dem Spiegel richtig erschrocken“, gibt Clara leicht verlegen zu.

    Die letzte Etappe auf Claras Weg zur Frau ist der operative Eingriff. Nach der so genannten „kombinierten Methode“ werden erst die männlichen Geschlechtsorgane entfernt, be­vor daraus teilweise die neuen weiblichen Organe in mikroskopischer Feinarbeit konstruiert werden. Clara wählte dafür einen Chirurg in München aus, da dieser ihrer Meinung nach das schönste Endergebnis produziere. Bis auf die Eierstöcke und die Gebärmutter unterscheide sich danach nichts von dem Gefühl, der Funktion oder Optik von den Organen bei biologischen Frauen. „Man kann sogar feucht werden“, betont Clara schmun­zelnd. Zwischen 60.000 und 90.000 Euro kostet der Eingriff. Dafür stellte Clara einen Antrag bei der Krankenkasse. Auf 35 Seiten bescheinigen zahlreiche Gutachten und Diagnosen verschiedenster Ärzte und Ärztinnen die Notwendigkeit dieser geschlechtsangleichenden Operation.

    Ergänzungsausweis

    Schon jetzt ist Clara die Zuschreibung „weiblich“ nicht mehr abzusprechen. Trotzdem ist sie juristisch gesehen noch immer Christian.
    Hierzulande regelt das „Trans­­­sexuellengesetz“ (TSG) den ge­setzlichen Rahmen für die Namens- und Geschlechtsänderung in amtlichen Dokumenten. Dafür ist ein Antrag beim örtlichen Gericht notwendig.

    Momentan hat Clara lediglich einen so genannten „Ergänzungsausweis“. Von der „Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität“ ausgestellt, kann dieser Passersatz aber nicht als amtliches Dokument genutzt werden. Ob Ämter die weibliche Identität Claras damit anerkennen, hänge von deren Ermessen ab. Dass auf ihrem Uniausweis bereits Clara steht und das Namensschild ihrer Arbeitsstelle schon mit „Frau M.“ beschriftet ist, spreche lediglich für deren Kulanz. Fliegen könne sie jedoch im Moment nicht, denn international ist der Ergänzungsausweis nicht anerkannt und das auf dem Pass, „das könnte vielleicht mein Bruder sein“, meint sie.

    Der AlltagClara9_hoch_mz_F

    In ihren Erzählungen wirkt Clara durchweg selbstsicher, informiert und stark. Doch sie gibt zu, an manchen Tagen sei das anders. Dann merke sie auf der Straße die bohrenden Blicke der Menschen und der bereits internalisierte aufrechte Gang erfordere viel Konzentration. An Tagen, an denen der Bart etwas sichtbarer ist, wird sie nicht als Frau, sondern als Transvestit ge­sehen (Menschen, die sich entgegen des bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlechts klei­den; das so genannte „Cross­-dressing“). Auch lackierte Fingernägel oder Lippenstift würden skeptische Blicke heraufbeschwören. Es sei ein schmaler Grad, als Frau wahrgenommen zu werden. Clara hat ihre Komfortzone verlassen. Damit sich für Trans-Personen wie sie die ge­sell­schaftliche Akzeptanz jedoch erhöht, bräuchte es noch mehr Menschen, die dazwischen bleiben.

    Fotos: mz

     

    Meinung: Gesetze prüfen, statt Menschen dreifach prüfen