„Der ist teuer, den brauche ich noch“

Von Gesine Münch

Eindrücke von den G20-Gipfelnächten

Nach drei Jahren in Leipzig sind wir an große Demonstrationen mit entsprechenden Polizeieinsätzen eigentlich gewöhnt. Dennoch hinterlassen die Demonstrationen rund um den G20-Gipfel in Hamburg einen tiefen Eindruck. Nicht nur aufgrund der vielfältigen Aktionsformen und der großen Teilnehmerzahl, sondern vor allem wegen der nächtlichen Krawalle.

Es ist Freitagabend, der erste Tag des G20-Gipfels ist zu Ende, und Vermummte ziehen durch das Hamburger Schanzenviertel. Durch die Scheibe sehen wir im Fernseher einer Kneipe N24-Liveübertragungen von brennenden Schutthaufen. Drehen wir uns nach links, sehen wir brennende Schutthaufen. Die Marodeure nehmen alles, was nicht niet- und nagelfest ist, werfen es auf Kreuzungen und zünden es an. Ein Drogeriemarkt, ein Geschenkwarenladen und ein Rewe müssen dran glauben. Scheiben werden zertrümmert und die Produkte mitgenommen. Die Geschenkwaren heizen das Feuer an, die Lebensmittel werden zum Verzehr freigegeben. Mit einer Mischung aus Erschrecken und Faszination stehen wir daneben.

Demonstrierende setzten sich mit Schildern und Brettern gegen den Wasserwerfer zur wehr bzw. greifen diesen an im Schanzenviertel.

Demonstrierende setzten sich mit Schildern und Brettern gegen den Wasserwerfer zur wehr bzw. greifen diesen an im Schanzenviertel.

Direkt hinter den Randalierenden: Pressevertreter und Schaulustige. Schaulustige, die herumstehen und sich nicht so recht dazu durchringen können, das Ganze hier blöd zu finden. Seit die Polizei nach mehreren erfolglosen Wasserwerfer- und Pfeffersprayeinsätzen beschlossen hat, sich aus der Straße um das linke Zentrum „Rote Flora“ fernzuhalten, hat sich die Stimmung mehr und mehr gelöst. Nun, da alle Feuer gelegt sind, nimmt die Situation einen surrealen Straßenfestcharakter an.

Ein paar Mädchen mit ungeöffneten Alkoholflaschen laufen an uns vorbei. Sie tragen enge Jeans, weiße Flatteroberteile und sind geschminkt, als hätten sie sich auf dem Weg in den Club verirrt. Sie bewegen sich jedoch völlig selbstverständlich zwischen Rewe und den brennenden Haufen.

Menschen stehen um die Feuer, verspeisen die geplünderten Produkte und unterhalten sich. Als ein Sonnenschirm einem Feuer zugeführt werden soll, kann der zugehörige Cafébesitzer die zuständigen Autonomen überzeugen, stattdessen eine seiner Bierbänke mitzunehmen. „Der ist teuer, den brauche ich noch“, führt er als Argument an. Aus Fahrrädern und Straßenschildern werden Barrikaden gebaut.

Eine Straßenkreuzung weiter hat sich eine ältere Frau mit ihrem Fahrrad schützend vor eine Mülltonne gestellt, deren Schicksal zu erahnen ist. „Das, was ihr hier tut, bringt doch überhaupt nichts!“ stellt sie leicht verzweifelt fest, „macht die Tonne aus!“. Daraufhin versucht ein Autonomer ihr zu erklären, dass die Handlungen von Staatschefs auch gewaltsam seien und daher das Verbrennen von Tonnen als Mittel gleicher Art notwendig sei. Es kommt zu keinem Einverständnis, wobei der Autonome beteuert, so etwas „wirklich sonst nie“ zu tun. Die Frau wird zur Seite bugsiert, die Mülltonne brennt. Unterdessen erfahren wir, dass die Polizei ihren weiteren Einsatz vorbereitet. Wir laufen noch einmal die Straße hinunter. Rewe ist inzwischen fast leer, der Boden im Gebäude und auf der Straße mit zertrampelten Produkten übersäht, es stinkt bestialisch. Dieser Anblick erinnert tatsächlich ein bisschen an einen Katastrophenfilm.

Auch in der Nacht von Samstag zu Sonntag eskaliert die Lage noch einmal vollkommen. Dabei ist die Stimmung erst gelöst und entspannt. Im Schanzenviertel tragen einige Menschen Plakate mit Aufschriften gegen Gewalt und Hass mit sich oder Fahnen mit dem Peace-Zeichen. Auch später, als ein weiterer Wasserwerfereinsatz der Polizei bevorsteht, gibt es spontane Sitzblockaden gegen Gewalt von jeglicher Seite, es wird explizit gefordert, keine Flaschen oder Steine zu werfen.
Die Flaschen- und Steinewerfer interessiert dieser Wunsch allerdings wenig, aus der Anonymität der breiten schaulustigen Masse ist es ihnen ein Leichtes, die überall herumstehenden- und liegenden Glasflaschen zu schmeißen. Einige der Vermummten sind wohl keine 16, 17 Jahre alt – ein paar Halbstarke außer Rand und Band, die sich hinter ihren schwarzen Schals und Tüchern sehr sicher zu fühlen scheinen. Einer schaut erschrocken und schuldbewusst, als wir ihm die Ein-Liter-Glasfasche aus der Hand ziehen.

In unserem Hotel, das keine zehn Minuten zu Fuß von der „Roten Flora“ entfernt liegt, verfolgen wir auf N24 am Freitagabend die Stürmung der Straße durch SEK-Einheiten mit Maschinengewehren. Draußen die ewigen Polizeisirenen und ein Großaufgebot an schwarzbehelmten Polizisten.

Franziska Roiderer und Gesine Münch

Fotos: Tim Wagner

Eine komplette Bildergalerie aller Gipfeltage gibt es auf unserer Facebookseite: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1677031695670856.1073741852.193559967351377&type=1&l=bc2c800e0d

Zur Artikelübersicht