• Leipzig
  • Ich sehe was, was du nicht hörst

    Maren Petrich

    Reden mit den Händen

    Augen an, Stimme aus. So geht es einer Handvoll Studierenden, die sich dafür entschieden haben, eine Sprache zu lernen, die ganz ohne Stimmbänder auskommt: die Deutsche Gebärdensprache, kurz DGS. Was viele Menschen nur als wildes Hin- und Herfuchteln mit den Händen wahrnehmen, ist offizielles Aus­drucks­mittel von etwa 200.000 ge­hör­losen Menschen in Deutschland. Die Bezeichnung „Taubstumme“ ist übrigens nicht korrekt und wird von Betroffenen oft als Beleidigung empfunden, da ein Großteil dazu in der Lage ist, Laute hervorzubringen und somit nicht als stumm bezeichnet werden kann.

    DGS ist alles andere als eine Eins-zu-eins-Übertragung des Deutschen. Es gibt einen anderen Wortschatz, andere Gram­matik und ein anderes Sprachsystem. Hinter die­sem System stecken mehr als nur einfache Gebärdenzeichen. Auch Mimik, Lippenbewegungen und Körperhaltung tragen wesentlich zur Kommunikation bei. Beispielsweise werden „Donnerstag“ und „Geburtstag“ mit der gleichen Gebärde ausgedrückt, nur anhand der Lippenbewegung kann ausgemacht werden, um welches Wort es sich im konkreten Fall handelt.

    Somit ist es möglich, dass Gebärdensprache das Gleiche leisten kann wie herkömmliche Sprachen. Anja Kuhnert, staatlich anerkannte Gebärdensprac­h­dozentin aus Leipzig, er­klärt: „Der Gebärde­nwort­schatz ist unbegrenzt. Er erweitert und verändert sich stetig. Die präzise Ausdrucksweise wird über die Mimik, das Tempo und die Größe der Gebärden verdeutlicht. Weiterhin wird teilweise auch die Stimme eingesetzt, bei­spielsweise, wenn je­mand gereizt oder sehr wütend ist.“

    Für Begriffe, die über keine eigene Gebärde verfügen, wie Eigennamen oder Fremdwörter, wird das Fingeralphabet genutzt. Doch gerade bei oft wiederkehrenden Namen erweist sich dies als mühsam, weshalb jeder Gehörlose eine selbst ausgesuchte Namensgebärde besitzt. Diese nimmt auf sein Äußeres, seine Interessen oder besondere Auffälligkeiten Bezug, sodass man auf DGS beispielsweise „Motorrad“, „Locke“ oder „kleines Ohr“ heißen kann.

    Wie der Ausdruck DGS vermuten lässt, ist Gebärdensprache nicht international. Die Deutsche Gebärdensprache ist eine von etwa 200 Gebärdensprachen weltweit. Hinzu kommen lokale Dialekte wie der Hamburger, Münchener oder Leipziger Dialekt. Es ist also keineswegs selbstverständlich, dass sich Leute aus verschiedenen Regionen problemlos untereinander verständigen kön­nen. Länderübergreifende Kom­munikation stellt sich als noch schwieriger dar. Hier sind nur Grundlagen wie beispielsweise einige Zahlen und das Finger­alphabet identisch. Doch für Gehörlose desselben Dialekts, schafft Ge­bärdensprache eine eigene Gemeinde. „Da Gehörlose aufgrund der Sprachbarriere nicht ungehindert am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, bilden sie ihre eigenen Gruppen, Vereine und eine Gemeinschaft. Gemeinsame Sprache und Erfahrungen ver­binden“, erklärt Kuhnert.

    Doch warum als Hörender Gebärdensprache lernen? „Mich fasziniert, wie Gebärdensprache ohne tatsächliches Sprechen auskommt. Somit hat sie einen ganz anderen Abstraktionsgrad als Lautsprachen“, findet Y. Borchert, Seminarteilnehmer an der Uni.

    Wen nun auch die Neugier gepackt hat, für den besteht die Möglichkeit an der Uni einen DGS-Kurs über das Spracheninstitut zu belegen. Dieser ist für Studierende kostenlos.

     

    Foto: privat