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  • Gefangen zu Hause

    Maren Petrich

    Filmrezension: Innen Leben

    Die Vorhänge lassen nur einen kleinen Spalt Licht in das dunkle Zimmer fließen, das Haus wird nur heimlich zum Wasserholen verlassen und wenn es an der Tür klopft, herrscht Totenstille in der Wohnung. Eine Familie, gefangen in ihren eigenen vier Wänden, draußen tobt der syrische Bürgerkrieg.

    Was macht das mit diesen Menschen? Der Film „Innen Leben“ versucht eine Antwort zu geben. Alle rücken eng zusammen, geben sich gegenseitig Hoffnung. Allen voran Mutter Oum Yazan (Hiam Abbass) versucht die Ordnung zu bewahren und zeigt sich als gütiger Charakter, der aber auch zwischen dem Wohl des Einzelnen und aller abwägen muss.

    Der Film zeigt 24 Stunden im Leben der Familie Yazan. Dabei wird vor allem die Allgegenwärtigkeit des Kriegs deutlich: Stille wird von Bombenlärm durchbrochen, Vogelgezwitscher von Hubschrauberlärm übertönt. Der Krieg ist draußen, aber auch in den Köpfen der Menschen, ihre Angst überall. Nur die Holzbalken vor ihrer Wohnungstür suggerieren, wenigstens drinnen vor all dem sicher zu sein.

    InnenLeben_2Ihr Tagesablauf ist eintönig, viel zu tun gibt es nicht, in einer Wohnung, in der sich zehn Zahnbürsten eine Tube Zahnpasta teilen müssen und nur im Ausnahmefall geduscht werden darf. Wenn sie Glück haben, empfangen sie einen Radiosender oder sogar einen Anruf. Wenn nicht, gibt eine Vielzahl Bombengewitter am Tag. Dann rennen alle in die Küche, verstecken sich unter Tischen, bangen, die Kinder hören Musik oder malen, um sich abzulenken. Bis alles vorbei ist. Doch die Angst vor dem nächsten Angriff bleibt.

    Der Film zeigt auch, wie es sich anfühlen muss, wenn sich der eigentlich sichere Plan für eine Flucht plötzlich in Luft auflöst. Als sich Halima (Diamand Bou Abboud) nach einem gewaltvollen Übergriff ohne ihren Mann und alleine mit Baby wiederfindet, ist für sie alles verloren: „Erschießt mich!“, schreit sie aus dem Fenster heraus und riskiert damit, das Versteck der Familie preiszugeben.

    Hoffnungsschimmer gibt es einige wenige, jedoch verwöhnt uns der Film nicht mit einem Happy-End. Denn das gab es im syrischen Bürgerkriegt bisher nicht. So offen wie das Schicksal einer im Krieg lebenden Familie endet der Film mit einem Blick aus dem Fenster und der Frage: Wie lange dauert das noch an?

    Indem „Innen Leben“ hinter die Kulissen des Krieges schaut, der uns sonst nicht viel mehr als einen betrübten Blick hervorbringen lässt, wenn wir in den Nachrichten davon hören, hinterlässt er einen bleibenden Eindruck. Die Einzelschicksale der Figuren berühren sehr und stimmen den Zuschauer nachdenklich. Womit haben die Menschen dieses Unglück verdient? Und woher nehmen sie die Kraft trotz allem jeden Tag weiterzukämpfen? Mit einem Gefühl der Beklemmung habe ich den Kinosaal verlassen. Und mit dem Bedürfnis diesen Menschen zu helfen. Ich engagiere mich jetzt in der Flüchtlingshilfe, um zumindest einen kleinen Teil dazu beizutragen, diesen Menschen ein neues Leben zu ermöglichen. Tatsächlich war es dieser Film, der mich dazu bewegt hat, denn einfach so dasitzen und zusehen und nichts tun, konnte ich nicht mehr, das hat mir nach 86 Minuten gereicht.

     

    In den Kinos ab: 22. Juni 2017

     

    Fotos: Weltkino Filmverleih