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  • Vom Hörsaal ins Klassenzimmer

    Luise Mosig

    Filmrezension: „Zwischen den Stühlen“

    Der Dokumentarfilm „Zwischen den Stühlen“ zeigt auf einfühlsame und schonungslose Weise, welche Herausforderungen das Lehramtsreferendariat mit sich bringt.

    Das Referendariat ist für angehende Lehrer ein Sprung ins kalte Wasser. Es ist die Schnittstelle zwischen theorielastigem Studium und Berufspraxis. Erstmals müssen Referendare über einen längeren Zeitraum eigenverantwortlich an einer Schule unterrichten. Das bedeutet weit mehr als einer Schar gelangweilter Schüler 45 Minuten lang Wissen einzutrichtern. Die Referendare übernehmen alle Aufgaben eines Lehrers: Von der Unterrichtskonzeption über das Entwerfen und Benoten von Klassenarbeiten bis hin zur Elternsprechstunde.

    Der Würzburger Nachwuchsregisseur Jakob Schmidt hat drei Referendare auf ihrem Weg in die Berufswelt mit der Kamera begleitet. Das beindruckende Ergebnis ist der Dokumentarfilm „Zwischen den Stühlen“, der 2016 auf dem DOK Leipzig unter anderem den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts erhielt. Die Protagonisten des Films sind charakterlich komplett verschieden und haben unterschiedliche Auffassungen vom Lehrerberuf, was sich deutlich sichtbar auf ihre Herangehensweise auswirkt. Da ist Katja, die taffe Lehrerstochter, die „so werden will wie ihre Mutter“ und oft vergeblich versucht, ihre hibbelige Hauptschulklasse in den Griff zu bekommen. Da ist die unscheinbare Anna, zukünftige Grundschullehrerin, in deren Augen das Schulsystem ein brutales Regime ist, das „die Schüler missachtet.“ Sie sieht es als ihre Aufgabe, den Schülern Freiräume zu verschaffen, wo sonst keine sind. Und da ist der ehrgeizige Ralf, der nur so vor Selbstbewusstsein und Kompetenz  strotzt und dabei seine Gymnasialklasse hemmungslos überfordert.

    Kommentar- und schonungslos dokumentiert Regisseur Schmidt den Alltag der drei werdenden Lehrer. Referendare finden sich ständig in vollkommen gegensätzlichen Rollenverhältnissen wieder. Während des Unterrichts leiten sie ihre Klasse an und werden anschließend selbst von Mentoren und Seminarleitern in die Schranken gewiesen. Mit viel Gefühl, Liebe zum Detail und fast unangenehmer Nähe zeigt der Film, wie Katja, Anna und Ralf ihre Herausforderung zu meistern versuchen. Der Zuschauer begleitet die Drei dabei nicht nur im Unterricht, sondern auch beim Tratschen mit Kollegen im Lehrerzimmer, beim Joggen, am Frühstückstisch mit der Familie oder im Urlaub an der Ostsee.

    Wer über das dokumentarfilmtypische Tongeplänkel zu Anfang und Ende des Films hinweghören kann, der wird „Zwischen den Stühlen“ in vollen Zügen genießen. Mit alltäglichen Momentaufnahmen, emotionaler Tiefe und erfrischender Situationskomik ist Schmidt eine ausgewogene Mischung gelungen. Schmidt fordert den Zuschauer auf, sich mit dem deutschen Bildungssystem auseinanderzusetzen und lässt Fragen aufkommen. Wie autoritär muss ein Lehrer auftreten, um sich Respekt zu verschaffen? Was macht überhaupt einen „guten“ Lehrer aus? Sind Schulnoten das richtige Mittel, Leistungen zu bewerten und zu vergleichen?

    Dieser Film ist für alle, die Lehrer werden wollen. Für die, die es gerade werden, sind oder waren. Und für alle, die selbst auf der Schulbank saßen und den Lehrer nie verstanden haben.

     

    In den Kinos ab: 18.05.

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    Fotos: Weltkino