• Perspektive
  • Ich nerve

    Von Juliane Siegert

    Die April-Kolumne

    Ich bin zu spät, immer und überall: Beim Treffen mit Freunden, Essen mit der Familie, bei der Vorlesung kurz nach Neun, kurz nach Elf, auch bei der kurz nach 17 Uhr.

    Und ich nerve. Ich nerve die Menschen, die auf mich vor dem Café warten oder die, die den Ausführungen des Professors lauschen wollen, aber allen voran nerve ich mich selbst. Ich möchte einmal erleben, nicht zur Bahn rennen oder mich ständig bei allen möglichen Menschen entschuldigen zu müssen. Doch ich schaffe es einfach nicht zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Nicht, weil ich verschlafe – mein Wecker klingelt niemals nach sechs Uhr – und auch nicht, weil ich mir vor der Uni noch eine selbstgedrehte Zigarette gönne.

    Die Wahrheit ist: Da sind einfach so viele Dinge, unzählige Pläne und Deadlines in meinem Kopf, dass ich an ihnen schlichtweg scheitere.

    Mein Alltag gleicht dem endlosen Abarbeiten einer Liste und wenn auch nur die kleinste Ungereimtheit meinen Weg kreuzt, stürzt mein To-Do-Konstrukt in sich zusammen. Manchmal will ich das Haus verlassen und mir fällt ein, dass ich meiner Mitbewohnerin geschworen habe, heute den Müll wegzubringen. Oder direkt nach dem Aufwachen wird mir siedend heiß bewusst, dass ich am Abend zuvor nicht zur Post gegangen bin und die Rücksendefrist übermorgen verstreicht. Es sind solche Momente, die mich derart ins Schlingern bringen, dass ich irgendwo Abstriche machen muss. Und wo fällt dies leichter, als bei diesen – verschmerzbaren – zehn, fünfzehn Minuten einer Vorlesung, bei denen meist nur Stoff wiederholt und Fragen besprochen werden?

    Ich weiß genau, dass ich mein Leben so nicht ewig führen kann – zum Wohle der Menschen, die mit mir Termine ausmachen, wie auch zum Wohle meiner Selbst. Doch ich bitte auch um Rücksichtnahme. Ich bin es, die die Pünktlichen beneidet.

     

    Diese Kolumne ist eine Antwort auf die Januar-Kolumne „Ihr nervt!“