• Kultur
  • „Gift ist am Giftigsten“

    Von Leonie Beer

    Poetry Slam Lesung von Lars Ruppel

    „Und wenn ihr euch gut amüsiert habt, ruft einfach ‚hier‘ und wenn alle ‚hier‘ gerufen haben, mache ich ein Gedicht und wir können alle früher gehen und noch ein paar Kugelschreiber abgreifen.“

    Ertapptes Lachen wogt durch den Raum und eins ist klar: niemand wird „hier“ rufen, weil keiner will, dass der dreifache Poetry-Slam-Meister Deutschlands Lars Ruppel auch nur einen Moment früher mit seiner Show aufhört. Denn nicht ohne Grund hat Lars Ruppel heute auf der Buchmesse einen Auftritt. Er präsentiert sein zweites Buch mit Gedichten über Redensarten, das pünktlich zur Buchmesse erschienen ist. Alle die sich hier eingefunden haben, nehmen somit an der Premerienlesung aus „Die Kuh vom Eis“ teil.

    Obwohl bereits nach wenigen Minuten alle an seinen Lippen hängen, wirkt es keinen Augenblick als würde er kokettieren, wenn er von seiner Nervosität und seiner Verantwortung spricht. Von der Verantwortung die halbe Stunde seiner Show gut zu nutzen, damit das Publikum nicht das Gefühl von verschwendeter Lebenszeit hat.

    Schon zu Beginn legt er mit den Anekdoten aus seiner Kindheit gut vor, wenn er vom Großwerden auf dem Land, vom Punk sein und sich nur aus Spaß in die Büsche werfen, erzählt. Und später seine Reisen durch die ganze Welt, im Auftrag der deutschen Sprache, weitere Lacher einheimsen. Doch spätestens bei der Erwähnung der schlimmen Krankheit „morbus Goethe“ dessen Symptom es ist, nach der Lektüre von zu schwierigen literarischen Texten, unbedingt RTL2 gucken zu wollen, stellt man sich doch die Frage, was von dem erzählten überhaupt für bare Münze genommen werden darf.

    Und obwohl an machen Stellen zu merken ist, dass seinem so spontan wirkenden Programm sehr wohl ein Konzept zu Grunde liegt, wirkt es trotzdem keinen Moment durchchoreografiert. Denn wenn er mit dem Vortrag seiner Texte beginnt, schließt er die Augen und man spürt, dass er komplett in den Worten aufgeht. Wie von selbst scheinen Bilder von Schnee und Eislandschaften, Liebe und Wärme vor dem inneren Auge zu entstehen. Doch schließlich kommt auch, anders als bei seinen früheren Texten, eine politische Komponente ins Spiel. Denn plötzlich geht es um Frost Schneehofer, der mit seinem kalten Herzen alles zum Gefrieren bringt. Oder die Springerpresse die die Angst von den Menschen schürt und sie mit dessen Hilfe manipuliert, wie in „die Kuh vom Eis“. Doch dabei scheint er ein ums andere Mal die Redewendung aus dem Auge zu verlieren.

    Natürlich hat Literatur auch die Aufgabe Menschen zu bilden und auf Missstände aufmerksam zu machen, aber sollte dabei spontane Unterhaltung und der Moment des Lächeln-auf-das-Gesicht-zauberns auf der Strecke bleiben?

    Was einem an der Lyrik von Lars Ruppel wichtiger ist, kann jeder für sich selbst entscheiden. Ich für meinen Teil, habe mich entschieden und freue mich über die spontane Eingebung des 8-jährigen Lars Ruppels zu dem Thema Steigerung von Adjektiven: „eine Ameise ist am Kleinsten, der Ball ist am Rundesten und Gift ist am Giftigsten.“