• Wissenschaft
  • Saubere Luft = verschmutztes Trinkwasser

    Anne-Dorette Ziems

    Rückgang von Stickstoffoxid-Emissionen hat eine Kehrseite

    Im Rahmen einer Datensatzstudie über die Ursachen der Braunfärbung des Wassers in einigen Talsperren entdeckten die Wissenschaftler um Dr. Andreas Musolff vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig Unerwartetes: Der Grund für die schlechtere Qualität des Wassers ist die seit Jahren sinkende Stickstoffoxid-Emission. Von 1990 bis 2004 gab es laut Umweltbundesamt einen Emissionsrückgang von über 50 Prozent. Stickoxide werden hauptsächlich im Straßenverkehr emittiert und verursachen unter anderem sauren Regen.

    „Die Braunfärbung, ausgelöst durch den Anstieg gelösten organischen Kohlenstoffs (DOC, von Dissolved Organic Carbon), macht unser Trinkwasser zwar nicht giftig, würde aber zum Beispiel auch Wäsche verfärben und den Geschmack von Leitungswasser beeinträchtigen“, erklärt Musolff. Bei knapp 40 Prozent der 110 untersuchten Zuflüssen von Trinkwassertalsperren stellten die Wis­senschaftler signifikant stei­gen­de DOC-Konzentrationen fest. Darüber hinaus steigt in über 30 Prozent der Zuflüsse auch der Phosphatgehalt, wodurch das Algenwachstum begünstigt und somit die Wasserqualität gemindert wird.

    Durch den Emissionsrückgang gelangt weniger Stickstoff in Böden und Gewässer. Das zeigt sich deutlich in Gegenden ohne Landwirtschaft und Industrie, in denen Nitrate nur über die Luft in den Boden gelangen können. Mikroorganismen nehmen die Stick­stoff­verbindungen auf. Wenn diese zur Neige gehen, nehmen sie stattdessen Eisenoxid aus dem Wasser, welches Kohlenstoff, Phosphate und verschiedene Metalle bindet.

    Der naturnahe Zustand, der sich durch emissionsverringernde Maßnahmen eingestellt hat, ist nicht von Trinkwasserwerken gewünscht. Während der Wasseraufbereitung wird Eisenoxid ins Wasser gegeben, sodass der Kohlenstoff gebunden wird und herausgefiltert werden kann. Dieser Prozess macht die Wasseraufbereitung teurer.

    In landwirtschaftlich genutzten Regionen ist keine solche Veränderung festzustellen. Daher wäre es eine denkbare Option, die niedrigen Nitratwerte in naturbelassenen Regionen um Talsperren durch Landwirtschaft auszugleichen. Das in die Tat umzusetzen ist aber kompliziert, da Landwirtschaft hauptsächlich ökonomische Interessen verfolgt und der Ausgleichspunkt leicht überschritten werden kann.

    Emissionssteigerung ist keine Option. Momentan wird zusammen mit den zuständigen Behörden versucht, realistische Maßnahmen zu finden, um den DOC-Anstieg aufzuhalten.

     

    Foto: André Künzelmann / UFZ