• Wissenschaft
  • Bohren im Hirn – Quo vadis Technik?

    Margarethe Hamfler

    Es wird geschraubt, beleuchtet und gebohrt, es riecht steril und ein wenig nach Motorenöl - nein, nicht beim Zahnarzt, sondern bei der neuesten Technik für Hirnoperationen.

    Thomas Neumuth, Experte für Ingenieur- und Computerwissenschaften, schleicht geheimnisvoll durch die Gänge des Leipziger  Innovationszentrums für computerassistierte Chirurgie (ICCAS). Er hat nächtelang geforscht und gegrübelt, wie man medizinische Operationens noch sicherer machen könnte. Gerade im Inneren des Menschen, wo man bis heute nur mit eingeführten Kameras oder durch große aufgeschnittene blutige Wunden und mit großen Narben operieren muss, ist eine Verbesserung nötig. „Eines Tages kamen meine Kollegen und ich auf die Idee, es mit Ultraschall zu versuchen“, sagt Neumuth. Große Fleischwunden, unschöne lange Narben und Kameras im Körper könnten damit der Vergangenheit angehören. Seit 2005 entwickelt Neumuth mit seinen Kollegen ein Gerät, mit dem man live und millimetergenau in den Körper blicken kann. „Ein kleiner Schnitt reicht jetzt aus, um dann millimetergenau von außen sichtbar operieren zu können. Komplizierte Hirn-OPs sind so viel sicherer. Das Risiko, zu sterben, wird stark reduziert.“

    Im Bereich medizinischer Erfindungen kann Sachsen sich historisch durchaus sehen lassen. Die Innovationen, die 1908 mit Erfindungen in der Chemotherapie und der Immunologie durch Paul Ehrlich in Leipzig begann, führen heute die Forscher in Leipzig weiter. Nicht nur für Krebspatienten, auch für die Behandlung von Gehirnleiden wie Epilepsie und Parkinson wird die Technik vom ICCAS bald eingesetzt.

    Sachsens Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz Barbara Klepsch (CDU) und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) besuchten in Leipzig das ICCAS . Uni-Rektorin Beate Schücking, selbst Ärztin, freute sich über die neuen Erfindungen: „Leipzig hat nicht nur eine sehr alte Medizinfakultät, es ist auch die älteste Universität Europas. Der OP-Saal des ICCAS ist das Innovativste.“ Auch Staatsministerin Klepsch zeigte sich stolz: „Ich stehe gerne an der Seite des ICCAS, denn es ist ein zentrales Anliegen der Staatsregierung, Innovation zu fördern. Die medizinische Versorgung soll damit noch besser und sicherer werden.“ Bundesgesundheitsminister Gröhe führte sogar eine Probe-Operation an einem menschlichen Modell durch und bewies dabei Fingergeschick. Auch Staatsministerin Klepsch blickte durchs Okular und bestaunte die technischen Errungenschaften. 2005 begann das ICCAS mit zehn Mitarbeitern, heute arbeiten 50 Mitarbeiter, davon 90% Techniker, Ingenieure und Informatiker an der Entwicklung des OP-Saals der Zukunft.

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    Uni Rektorin Beate Schücking (r.) empfängt Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU, 5. v. r.)

    Doch was ist in zehn Jahren Forschung und Entwicklung neu erfunden worden im ICCAS? Vorteile bietet ab sofort die neuartige Bestrahlungstherapie für Krebspatienten. Das gute Gewebe soll dabei weniger belastet werden, weil eine Bestrahlung gezielter möglich wird und sogar gesundes Gewebe ausgelassen werden kann, da die Strahlung nun hindurch dringt. Wird beispielsweise Gewebe an der Lunge bestrahlt, sollen zukünftig die Rippen keinen Schaden mehr erleiden.

    Vorteile bringt auch ein neues Tablet, genannt die „magische Linse“: Es ist kein gewöhnliches Tablet, sondern ein Ultraschallcomputer, der bei Gehirnoperationen zum Einsatz kommt. Hält der Arzt das Tablet neben den Kopf des Patienten, kann er während der Operation noch besser ins Innere des Gehirns sehen, an welcher Stelle er gerade exakt operiert. So werden Eingriffe noch gezielter möglich.
    Neu ist auch die Überwachung von Operationsschritten durch den Computer: Der PC erkennt, welche OP der Arzt durchführt, an welchem Schritt sich der Arzt gerade befindet und was als Nächstes kommt. Bewährte OP-Abläufe können gespeichert werden und anderen Kliniken zur Verfügung gestellt werden. So wird Operieren noch sicherer. 2025 soll der OP-Saal der Zukunft nicht nur am Modell, sondern auch am Menschen zum Einsatz kommen.

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    Fotos: mh