• Reportage
  • „Wir sind nicht die braven Engelchen“

    Charlott Resske

    Der Thomanerchor Leipzig: Aufwachsen in 800-jähriger Tradition.

    Nervt Bach eigentlich? „Nö“, sagt Raphael schnell. „Überhaupt nicht. Manchmal höre ich Bach sogar zum Einschlafen.“ Auch Johann schüttelt energisch den Kopf. Bach sei wie ein guter Freund. Schon immer da und wird immer bleiben. Das Weihnachtsoratorium ist der Sound­track seines Lebens: Er kann es in- und auswendig. „Und ich habe tatsächlich das Gefühl, Bach gut zu kennen“, erzählt Johann, lacht leise und wirkt heimlich ein bisschen stolz.
    Raphael Domke und Johann Beyer sind Thomaner. Sie wohnen im Alumnat, dem Internat des Knabenchors und lernen in der Thomasschule. Johann Sebastian Bach leitete im 18. Jahrhundert 30 Jahre lang den Chor, der seitdem weltberühmt und sagenumwoben ist.

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    Raphael Domke

    Johann Beyer

    Johann Beyer

    Die Thomanerwelt ist im westlichen Zentrum Leipzigs angesiedelt. Das Alumnat und die Außenwelt trennt eine massive Tür, an der man erst klingeln und dann heftig ziehen muss. Ein Gebäude mit Vergangenheit, alter Geschichten und gleichzeitig voller Gegenwart und Leben: Jungs toben durch die Gänge, Schulranzen liegen verlassen in der Ecke, ein einzelner Hausschuh hat sich verirrt. Nur die Bach-Statue steht still. Ein Dong und eine Durchsage erklingt: „Wer Lust auf Tischtennis hat, kommt bitte in 15 Minuten runter.“ Die Jungs auf dem Sofa bleiben lieber sitzen, „daddeln“ mit ihren Handys rum, wie ihre Erzieherin sagt. Raphael gehört zu ihnen. Der 11-Jährige schätzt seine Freizeit, nutzt sie bis zur letzten Sekunde aus. „Bei uns in der Klasse fehlen oft die Hausaufgaben“, sagt er und grinst verlegen.
    Johann ist vernünftiger. Der 17-Jährige hat gerade sein Abitur geschafft und gehört zu denjenigen, die etwas zu sagen haben. Johann ist „Präfekt“ und damit die rechte Hand des Kantors. Damit sich der Chorleiter nicht mit unnötigen Dingen herumplagen muss, über­nimmt Johann mit zwei wei­teren Thomanern bestimm­te Aufgaben. Manchmal leiten sie Proben, manchmal arbeiten sie im Archiv, doch ihre Hauptaufgabe ist die Organisation der Chornoten. „Wir singen ausschließlich aus Originalen“, sagt Jo­hann. Einmal waren am Ende des Auftritts die Hälfte der Noten weg. „Wenn die fehlen, ist das natürlich schon ein Problem.“ Die Szene aus dem „Fliegenden Klassenzimmer“ stimmt also: Sind die Noten weg, gibt es Stress. Im Alumnat steht ein großes Regal mit vielen Fächern. Jedes Fach trägt eine Nummer, die einem Thomaner zugeordnet ist. Wie in einem Briefkasten kriegen die Jungs so ihre Noten zugeteilt. Man sieht ganz genau, wer seine Post lange nicht geleert hat.
    Johanns Thomanerkarriere hat im Kindergarten angefangen. Durch die Talentsuche der Nachwuchskoordination wurde er mit fünf Jahren entdeckt. „Thomaner sein war eigentlich nicht mein großer Wunsch. Es ist einfach passiert.“ Ab der ersten Klasse besuchte er die Vorbereitungsklasse des Chors. In der vierten Klasse wurde Johann ein richtiger Thomaner und zog ins Alumnat. Mit neun Jahren von zu Hause ausziehen und das, obwohl seine Familie sogar in Leipzig wohnt – „das schreibt die Hausordnung eben vor“, sagt er nüchtern.
    Raphaels Weg ist anders verlaufen. Sein Musiklehrer hatte die Idee mit dem Thomaner werden. Daraufhin hat Raphael Extraunterricht bekommen, um die Aufnahmeprüfung zu bestehen: ein Instrumentalstück vorspielen, Gehörbildung beweisen, vom Blatt vorsingen. „Das war ein ganz schöner Druck, aber ich habe es zum Glück geschafft“, sagt er. Seine Eltern sind extra von Halle nach Leipzig gezogen. In der vierten Klasse war Raphael noch fast jeden Nachmittag zu Hause. Heute ist er in der sechsten Klasse und schafft es nur noch mittwochs, dem offiziellen „Heimschläfertag“.

    Briefkästen mit Noten
    Die Tagesabläufe im Thomanerchor sind streng getaktet. 6.30 Uhr: Aufstehen. Die Älteren werden von den Jüngeren geweckt. 6.55 Uhr: Frühstück – eine Viertelstunde. 7.30 Uhr: Unterrichtsbeginn. 13.00 Uhr: Zwanzig Mi­nuten Mittagspause. Danach: Nachmittagsunterricht, Chorpro­ben oder Ein­zel­unterricht. An entspannten Ta­gen auch zwei, drei Stunden Freizeit. 18.30 Uhr: Zwanzig Minuten Abendbrot. 19.00 Uhr: Hausaufgabenzeit. 20.30 Uhr: Bettruhe für Raphael. Johann muss spätestens halb eins wieder im Alumnat sein. Nichts mit langem Feiern. „Ich könnte schon mal abends auf die Karli gehen, aber das ist eh nicht mein Ding.“
    Zu dem Alltag kommen freitags und samstags die Motetten in der Thomaskirche, sonntags das Singen im Gottesdienst und die Konzertreisen. Meistens sing­en die Thomaner Bach, ab und zu auch Chorwerke aus anderen Musikepochen. Seit Anfang Juni gibt es mit Gotthold Schwarz einen neuen Thomaskantor. Jeder Chorleiter bekommt eine Nummer: Schwarz ist die Nummer 17. Der 17. nach Bach.
    Wenn Raphael und Johann reden, benutzen sie ihre eigene Sprache. Sie reden von den „Externen“, den Schülern in ihrer Klasse, die kein Teil des Chors sind. Das Alumnat nennen sie „Kasten“, weil das Internat beim Bau vor 100 Jahren wie ein Quader aussah. Generationen von Schülern übernahmen den Begriff. „Mentor ultimus“ heißt ihre Idee vom Zusammenleben: Jeder Zehntklässler ist Bezugsperson für einen Viertklässler. Zusammen leben die fast 100 Thomaner in zwölf Stuben. „Das funktioniert wie eine WG“, sagt Johann. Eine Stube besteht aus mehreren Schlafzimmern und einem Gemeinschaftszimmer. Früher hatte die Stubenältesten das Sagen und konnten absurde Strafen verhängen: Rasen mähen mit der Schere. Willkürliche Machtspiele. „Die Zeiten sind vorbei“, sagt Johann und spricht von einem „brüderlichen Verhältnis“.
    Wenn man Johann und Raphael beobachtet, könnte man tatsächlich denken, sie wären Brüder. Der 17-Jährige hat die Uhr im Blick, damit der junge Thomaner nicht zu spät zur Chorprobe kommt. Ermahnt, wenn er Raphaels vollgemalte Hände und Arme sieht. Und lacht heimlich über das, was er darauf entziffern kann.
    Eine wichtige Phase im Leben eines Thomaners: Der Stimmbruch. Für die Thomaner gibt es ein Davor und ein Danach. Ein „Ausstellen“ vom Chor und ein „Einstellen“. Begleitet wird der Prozess von Ärzten der Universitätsklinik Leipzig, die Gutachten zu verschiedenen Zeitpunkten des Stimmbruchs erstellen. Alles ist genau durchdacht in der Thomanerwelt, in der Johann seit acht Jahren lebt, die ihn zu einem selbstbewussten jungen Mann erzogen hat. Er redet mit klarer Stimme, deutlich und betont. Ohne sächsischen Akzent: „Den kriegt man hier im Chor abtrainiert, mit Akzent singen ist schlecht“, sagt er und lacht. In Raphael bemerkt man das Kind. Er redet leiser, etwas schüchtern und spricht oft vom Vermissen.

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    Die Thomaner in ihrer klassischen Uniform

    Chorproben statt Freibadbesuche
    Ein Aufwachsen mit Kompromissen? Chorproben statt Freibadbesuche, Internat statt zu Hause, Erzieher statt Eltern. „Stimmt“, sagt Johann. „Wir machen in unserer Jugend unglaubliche Abstriche, aber wir kennen es nicht anders, wir werden damit groß.“ Und damit wären es keine Kompromisse mehr, sondern ein nor­maler Tagesablauf „den man lieben lernt und vermisst, wenn die Ferien vor der Tür stehen.“ Raphael fügt hinzu: „Wir haben auch viele Vorteile. Wir haben mehr Schulausfall als die Externen und gehen auf Konzertreisen.“ Johann hat schon in Südamerika, Asien, Großbritannien und Israel gesungen. Auch Raphael hat mit seinen 11 Jahren schon mehr von der Welt gesehen als manch Erwachsener.
    Johann muss den Chor im Sommer verlassen, denn mit dem Abitur endet das Thomaner sein. „Ich weiß nicht, ob ich mir das nochmal antun würde“, sagt er, etwas ironisch, etwas ernst. „Aber klar ist, dass ich unglaublich viel gelernt habe und sehr traurig bin, wenn ich gehe.“ Johann nimmt sich ein Jahr Pause, danach möchte er „Schulmusik“ studieren. Professionell Musik machen aber nicht. Raphael übrigens auch (noch) nicht. Das sei nur eines der vielen Vorurteile über Thomaner. „Die nerven manchmal wirklich“, sagen beide.

    Thomaner hören auch Metal
    Die „externen Mädchen“ in den gemischten Schulklassen wären auch kein Streitthema, wie so oft vermutet. Und eine Freundin darf man als Thomaner auch haben, die müsse sich nur am Empfang anmelden, wegen Brandschutz und so, erklärt Johann. „Dieser ‚Sing mal was vor‘-Spruch von fremden Leuten nervt auch“, meint Raphael. „Und alle denken wir mögen nur Bach und Klassik.“ Johann mag auch Jazz, Raphael hört alles gerne. Im Thomanerchor gibt es sogar eine Metalband. „Wir sind nicht die braven Engelchen“, sagt Johann, bevor es 16 Uhr schlägt und er weiter muss: Chorprobe.

     

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    Fotos: cr, Thomaner Leipzig