• Hochschulpolitik
  • Gegen das Vergessen und für die Fertigstellung

    Von Sophia Neukirchner

    Gedenkveranstaltung zum Jahrestag Sprengung der Paulinerkirche mit Kritik am Baufortschritt.

    Heute vor 48 Jahren wurde die Universitätskirche „St. Pauli“ gesprengt. Zur Erinnerung an den Willkürakt der damaligen Universtitäts- und SED-Leitung, dem das 1240 geweihte Kirchengebäude am 30.5.1962 gegen den Protest tausender Leipziger zum Opfer fiel, lud Rektorin Beate Schücking um 10 Uhr zu einer Gedenkfeier ins Foyer des Paulinums ein.

    „Mächtige Prediger“ hätten bis 1962 in der Paulinerkirche zu den Studenten gesprochen und zum Entschluss der Sprengung geführt, erzählt Dr. Ulrich Stötzner in einer der Festreden. Er ist Vorstandsvorsitzender des Paulinervereins, einer Bürgerinitiative, die sich für den Wiederaufbau von Kirche und Augusteum stark gemacht hat. Er schilderte kurz die letzten Jahre des Kirchenbaus, der durch Martin Luther als erste Universitätskirche Deutschlands geweiht wurde und Thomas Mann als literarisches Objekt in „Dr. Faustus“ diente. Stötzner betonte aber auch, dass der aktuelle Neubau nicht den Forderungen des Paulinervereins nach originaler Wiederherstellung entspräche. Die Fertigstellung des Paulinums, die durch das Sächsische Immobilien- und Baumanagment (SIB) durchgeführt wird, befindet sich in den letzten Zügen. Ursprünglich war die Fertigstellung zur 600-Jahrfeier der Universität 2009 geplant und wurde seitdem immer wieder nach hinten verschoben.

    Die große Aula der Paulinerkirche befindet sich hinter einer Glaswand

    Die große Aula der Paulinerkirche befindet sich hinter einer Glaswand

    Im kleinen Andachtsraum an der Spitze des Kirchenschiffes befinden sich aktuell der historische Altar und Epitaphien aus „St. Pauli“, außerdem die in diesem Jahr eingebaute Schwalbennestorgel. Um die Historie durch entsprechendes Klima erhalten zu können, wurde ein gläserner Raumteiler eingebracht, der bei Bedarf in die große Aula öffnen kann. Diese ist mit einem Kreuzgewölbe ausgestattet, dessen Säulen nach Plan des Architekten Erick van Egeraat zum Teil auf halber Höhe abgeschnitten wurden. Ihre gläserne Ummantelung, die eine Lichtinstallation erlauben soll, verzögert die Fertigstellung des Baus nun hauptsächlich. Stötzner vom Paulinerverein kritisiert, dass dieses Säulenkonzept und die Trennwand die Kostenexplosion des Baus befördert hätten. Aktueller Streitpunkt ist, ob die historische Kanzel in die Aula einziehen darf. Bisher begründet man eine Ablehnung dieses Wunsches des Paulinervereins mit der mangelnden seperaten Klimatisierung in dem abgetrennten Raum. Stötzner appelierte an die aktuellen Verantwortlichen, die die „brachiale Zerstörung“ scheinbar nicht mehr vor Augen hätten: „Lassen Sie die Kanzel zu, öffnen Sie die Trennwand!“

    Details zum Streit über Wiederaufbau oder Neugestaltung, der schon mit den ersten Bestrebungen 1993 begann, sprach Altkanzler der Universität Dr. Peter Gutjahr-Löser an. Er erinnerte auch an die Uneinigkeiten nach der Wiedervereinigung, ob die Uni das Grundstück der Kirche überhaupt zurückbekommen sollte. Er wolle den Streit über die Gestaltung des Paulinums „auf den letzten Metern“ nicht neu entfachen: „Wir sollten dankbar sein, dass wir heute überhaupt hier stehen können, in einem Raum der für immer verloren schien und dass man es nicht geschafft hat, die Uni auf Dauer von ihren Wurzeln abzubringen.“ Aus den Reihen der vielen älteren Zuhörer fand seine Beschwichtigung teils lauten Widerspruch.

    Rektorin Schücking konnte kein endgültiges Eröffnungsdatum verkünden. Man hoffe jedoch, dass es noch in diesem Jahr liegen werde. Ein Sprecher des SIB hatte kurzzeitig abgesagt.

    Rektorin Beate Schücking spricht im Augusteum

    Rektorin Beate Schücking spricht im Augusteum

    Die Veranstaltung wurde umrahmt von Chorälen des Universitätschores unter der Leitung von David Timm und beendet mit einem Gebet zwischen den Baugerüsten im Andachtsraum des Paulinums. Der erste Universitätsprediger Prof. Dr. Zimmerling bat um Segen für die kommenden Veranstaltungen in diesen Räumlichkeiten und darum, dass „den Verantwortlichen Beine gemacht“ würden.

    Zum Abschluss spielte der Universitätsorganist Daniel Beilschmidt auf der Schwalbennestorgel.

     

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    Fotos: sjn