„Ich halte multikulturelle Zielsetzungen für schädlich“

Jonas Nayda

Professor Thomas Rauscher polarisiert mit fremdenfeindlichen Äußerungen auf Twitter. Im Interview möchte er sich erklären.

Dieses Interview ist der erste Teil eines zweiteiligen Gesprächs, das zuerst mit Jurist Prof. Thomas Rauscher und dann mit Politologe Dr. Daniel Schmidt geführt wurde. Das Interview mit Daniel Schmidt gibt es hier.

Professor Thomas Rauscher ist Direktor des Instituts für ausländisches und europäisches Privat- und Verfahrensrecht an der Universität Leipzig. Er ist Auslandsbeauftragter seiner Fakultät und polarisiert auf Twitter mit politischen Äußerungen.

Thomas Rauscher Foto: F. Frenzel

Thomas Rauscher Foto: F. Frenzel

student!: Herr Rauscher, was ist für Sie Rassismus?

Rauscher: Nach meiner Einschätzung besteht Rassismus darin, dass für die Unterschiedlichkeit ethnischer Zugehörigkeit Bewertungen entwickelt werden. In Abgrenzung dazu ist Ethnopluralismus kein Rassismus, weil dort zwar die Existenz verschiedener Kulturen, wie auch Ethnien angenommen wird, diese aber in ein Gleichheitsverhältnis gestellt werden. So würde ich mich definieren. Es finden Kennenlernen und Austausch zwischen Kulturen statt.

student!: Austausch würde bedeuten, auch etwas von einer fremden Kultur in der eigenen zu behalten.

Rauscher: Man beeinflusst sich natürlich, das ist selbstverständlich. Dieser Austausch findet aber im Wesentlichen dialogisch statt und nicht durch Verlagerung der Bevölkerung.

student!: Welche Rolle spielt die Universität dabei in unserer Gesellschaft?

Rauscher: Die Universität, insbesondere die Leitung einer Universität hat nicht die Aufgabe, ein allgemeinpolitisches Mandat wahrzunehmen. Leider stelle ich das aber partiell bei der Rektorin (Beate Schücking Anm. d. R.) fest. Sie vertritt aktuell politische Meinungen, die angeblich die der Universität seien.
Für noch erheblich bedenklicher halte ich es, dass die Wissenschaftsministerin (Eva-Maria Stange, SPD Anm. d. R.) speziell im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage die Rektorin darum gebeten hat, eine bestimmte Meinung zu vertreten und dazu auch die Universitätsmitarbeiter anzuhalten. Das halte ich beamtenrechtlich für absolut nicht hinnehmbar und auch nicht für die Aufgabe einer Rektorin.

student!: Sollte eine Universität nicht Meinungen bilden?

Rauscher: Universitäten haben keinen Auftrag allgemeinpolitische Willensbildung zu übernehmen. Dafür gibt es die Parteien. Auch der Kirche wird manchmal diese Aufgabe zugestanden. Der Auftrag der Universität besteht in der wissenschaftlichen internationalen Darstellung.
Das ist auch Teil meiner Abwehr gegen den Vorwurf, meine Meinungen verstießen gegen das weltoffene Bild der Hochschule. Weltoffene Hochschule bedeutet für mich Bereitschaft zu dem von mir angesprochenen Dialog der Wissenschaften und Dialog der Kulturen.
Das hat überhaupt nichts mit der Frage zu tun, unter welchen Voraussetzungen Personen, die nicht in diesem wissenschaftlichen Dialog stehen, nach Deutschland kommen oder nach Deutschland eingeladen werden sollen.

student!: Auf der social Media Plattform Twitter äußern Sie sich als Privatperson und damit losgelöst von der Universität Leipzig. Warum twittern Sie überhaupt?

Rauscher: Im politischen Dialog engagiere ich mich seit ich 15 Jahre alt bin. Das fällt in die Zeit der späten 1960er Jahre. Ich bin ein Mensch, der den politischen Diskurs sucht. Mein Twitter Account stammt aus einer Zeit vor drei Jahren, als ich für die FDP um ein Mandat im Bundestag kandidiert habe.
Große Zeitungen, etwa die FAZ oder die Süddeutsche, haben in ihren Diskussionsforen unter Artikeln, die sich mit Flüchtlingen oder Asylsuchenden befassen die Kommentarfunktion ausgeschaltet und damit Leser mundtot gemacht. Ich habe mir dann ein anderes Format gesucht.

student!: Im Januar veröffentlichten Sie auf Twitter, dass Deutschland durch Zuwanderung von Flüchtlingen zum „Dritte Welt Land“ werden würde.

Rauscher: Das politische Problem gerade Afrikas ist es, dass es durch die europäische Kolonialisierung strukturell benutzt worden ist und zurückgeblieben ist. Wenn ich nun auf die heutige Entwicklung schaue, dann muss ich feststellen, dass der Migrationsdruck auf dem afrikanischen Kontinent und auch dem indischen Subkontinent gewaltige Wellen schlägt. Das stellt die dortige Bevölkerung vor große Probleme.
Eine massenhafte Zuwanderung nach dem Prinzip ‚Kommt mal alle her nach Deutschland‘ würde sich sehr schnell dahingehend auswirken können, dass Europa eine Mehrheitsbevölkerung aus diesen Erdteilen bekommt.
Teilweise wird in den Medien sogar ganz offen darüber diskutiert, ob es nicht etwa wünschenswert wäre, wenn in deutschen Großstädten die ursprünglich deutsche Bevölkerung in die Minderheit geraten würde. Das würde ich eindeutig negativ bewerten, weil damit eine europäische Kultur oder eine europäische Lebensweise letztlich nicht mehr darstellbar ist. Dann geraten wir in teilweise noch als Popanz bezeichnete, aber eigentlich naheliegende Reservats-Vorstellungen.

student!: Sie möchten sich also nicht vorstellen, als Weltbürger frei über alle Grenzen gehen zu können?

Rauscher: Nein, die Fiktion eines Weltbürgertums möchte ich mir nicht vorstellen. Ich halte multikulturelle Zielsetzungen für außerordentlich schädlich, weil sie von einer Idee der gänzlichen Vereinheitlichung der Kulturen ausgehen. Diese Vereinheitlichungen führen in aller Regel zu einem kleinsten gemeinsamen Nenner.
Das kann man sehr gut am plakativen Beispiel USA verdeutlichen, wo sich mittlerweile China-Town von Disneyland kaum noch unterscheiden lässt.
Eine echte, gelebte Kultur braucht auch einen klar definierten Raum. Das schließt Weiterentwicklungen nicht aus, aber einen radikalen Austausch von Bevölkerungen.

student!: Deutschland wird seit einigen Jahren von einer Partei regiert, die das Christentum im Namen trägt. Wie realistisch sehen Sie eine Zukunft, in der eine muslimische Partei an der Regierung beteiligt ist?

Rauscher: Die CDU/CSU versteht sich zwar als eine Partei mit christlichen Grundwerten, definiert sich aber vom Konzept her nicht religionsorientiert. Sie verhält sich als eine Volkspartei. Damit ist sie auch für Nichtchristen wählbar.
Dieses Konzept ist aus Sicht des Islam, so wie er sich heute mehrheitlich präsentiert, schon deshalb nicht vorstellbar, weil der Islam den Grundsatz lebt, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein. Diesen Grundsatz überträgt der Islam jenseits des Religiösen auch in alle Bereiche des staatlichen Lebens. Eine islamische Partei wäre immer eine religiöse Sektionspartei und damit im Grunde nur für Muslime wählbar…

studentI: Können Sie sich vorstellen, dass in Deutschland 50% der Bevölkerung eine muslimisch orientierte Partei wählen würden?

Rauscher: Da sei Gott vor.

student!: Auf Twitter sagten Sie im November, der Islam sei in seinem Grundkonzept kriegerisch. Ist das Christentum, vor allem wie es im Alten Testament propagiert wird denn nicht eigentlich ähnlich Kriegerisch?

Rauscher: Betrachtet man die Entwicklung der drei Offenbarungen, Altes Testament, Neues Testament und Koran, dann muss zunächst festgestellt werden, dass das Neue Testament als Reformierung des Alten Testaments zu verstehen ist. Die friedlichen Elemente stammen aus dem Neuen Testament. Der Koran verbreitet aber vor allem die Ausbreitung des Islam mit Machtmitteln. Ich formuliere das absichtlich vorsichtig, denn Dschihad ist nicht nur Schießen und Bomben – vielleicht ist Dschihad sogar überhaupt nicht Schießen und Bomben. Aber der Islam steht in seiner Entwicklung in etwa auf der Stufe des Katholizismus im ausgehenden Mittelalter: Der Katholizismus ist durch die Aufklärung in Europa domestiziert worden. Die Aufklärung hat den Staat von der Kirche getrennt. Eine direkte Verbindung von Kirche zu kriegerischen Handlungen haben wir heute nicht mehr. Es gibt also keine kriegerische Ausbreitung des Christentums. Im Islam ist das anders.

student!: Solange Sie den IS nicht legitimieren wollen, wird der Dschihad nicht offiziell von einer Staatsregierung propagiert.

Rauscher: Sie irren sich. Saudi-Arabien finanziert den Salafismus in ganz Europa und damit die Ausbreitung des Islam auf eine recht aufdringliche Weise. Ich nenne es vorsichtig Missionierung.

student!: Dann müssten Sie doch dafür einstehen, dass Deutschland Waffenlieferungen an Saudi Arabien unterlässt.

Rauscher: Taktisches Handeln mit anderen Staaten ist eine Kunst, die die Politik beherrschen sollte. Eine Kunst übrigens, die islamische Länder hervorragend beherrschen. Man sollte natürlich aufpassen, dass die Waffen später nicht bei Einsätzen gegen Oppositionelle gefunden werden. Aber man muss eben auch etwas für die Stabilisierung des Nahen Ostens zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran tun. Wie es in Syrien ist, ist keine Lösung.

student!: Wohin würden Sie gehen, wenn in Deutschland Krieg ausbricht?

Rauscher: An die Front und gegen die Gegner kämpfen.
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Teil 2 der Interviewreihe: Daniel Schmidt

Artikelfoto: Jonas Nayda