• Wissenschaft
  • Schlechte Arbeit in großem Stil

    Jonas Nayda

    Im Web-Opac der Universitätsbibliothek sind viele Rezensionen mit erkennbar rechtsradikalem Hintergrund entdeckt worden.

    Etliche Rezensionen im Internet-Katalog der Universitätsbibliothek (UB) beinhalten Schleichwerbung für das politisch rechte Spektrum, sind in ihrem Wortlaut längst nicht mehr neutral und wissenschaftlich oder sind sogar irreführend.“ Zu diesem Schluss kam Lars Werner, ein  Informant, nach eingehender Recherche, die er  student! zur Verfügung stellte.

    Rezensionen zeigen gravierende Mängel
    Wer sich einen fundierten Überblick über den Inhalt eines Buches verschaffen will, ohne es selbst durchzulesen, der greift auf eine Rezension zurück. Die UB Leipzig bietet, wie viele andere Universitäten auch, für fast jedes in ihrem Bestand vorhandene Werk eine elektronisch abrufbare Rezension. Genau dort hat Werner jedoch einige gravierende Mäng­el entdeckt. Es handelt sich größtenteils um wissenschaftliche Publikationen verschiedener Geistes- und Sozial­wissenschaften aus den letzten Jahren, die fragwürdig rezensiert wurden.

    Ein Beispiel: Das Buch „Carl Schmitt, Aufstieg und Fall, eine Biografie von Reinhard Mehring“, 2009 im Beck Verlag in München erschienen. Carl Schmitt gilt als der sogenannte „Kronjurist des Dritten Reiches“. Bekannt ist er unter anderem mit Aussprüchen wie: „Der Wille des Führers ist Gesetz“. Die Lektüre gibt es gleich dreimal im Bestand der Universität Leipzig. Ein Standardwerk der Sekundärliteratur für Politikwissenschaftler oder Juristen. Die Re­zen­sion, die sich dazu im Katalog der UB befindet, beginnt mit den Worten: „Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Carl Schmitt zu den anregendsten, umstrittensten und faszinierendsten Autoren des 20. Jahrhunderts gehört.“

    In den Fußnoten der Rezension wird auf verschiedene weiterführende Literatur ver­wie­sen. So etwa zur Politischen Theo­logie auf einen gewissen Alain de Benoist, der bereits in den 1950er Jahren in Frankreich der rechtsterroristischen Organisation „Jeune Nation“ angehörte, in Deutschland oft als Autor der stramm rechtskonservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ auftritt und vom Verfassungsschutz als „Chefideologe der Französischen Neuen Rechten“ bezeichnet wird.

    Eine verherrlichende Ausdrucksweise zu Carl Schmitt und der Verweis auf einen rechtsextremen Buchautor als weiterführende Literatur habe in einer wissenschaftlichen Rezension nichts zu suchen, erklärt Werner. Gerade bei einer Uni, die in ihrem Leitbild mit „Internationalität, Weltoffenheit und Toleranz“ werbe.

    Zufall ausgeschlossen
    Lars Werner ist sich sicher, dass es kein Einzel-, oder ein unglücklicher Zufall sein kann. Er hat bereits fragwürdige Rezensionen in hoher zweistelliger Zahl entdeckt, die alle vom selben Autor stammen: Dem Historiker und Literatur­wissen­schaft­ler Till Kinzel.

    Ein weiteres Beispiel: „Die andere deutsche Revolution, Edgar Julius Jung und die metaphysischen Grundlagen der Kon­servativen Revolution“ von Sebastian Maaß, 2009 im Regin-Verlag in Kiel erschienen.

    Dieses Werk sollte von vornherein mit Vorsicht genossen werden, denn der Regin-Verlag ist bekannt für seine vielen Autoren aus dem neurechten Spektrum. Buchautor Sebastian Maaß hatte zuletzt 2013 Schlagzeilen gemacht, als seine Dissertation „Die Geschichte der konservativen Intelligenz 1945 – heute“ an der Uni Chemnitz wegen „unwissenschaftlicher rechtsextremer Ap­o­logetik“ abgelehnt wurde.

    Auch wenn Sebastian Maaß als nicht besonders wissenschaftlich arbeitender Autor bekannt ist, so ist es grundsätzlich nicht falsch, sich mit seinen Texten zu befassen. „Wenn zu einem derart kritischen Werk keine angemessen wissenschaftliche Rezension bereitgestellt wird, erweckt das allerdings den Eindruck von Schleichwerbung für rechtes Gedankengut“, so Werner.

    Verräterische Fußnoten
    Die Rezension von Till Kinzel zu dem 2009 von Maaß erschienenen Werk verweist in den Fußnoten genau wie im ersten Beispiel auf angeblich hilfreiche Sekundärliteratur. Genannt wird hier ein Handbuch von Armin Mohler und Karlheinz Weißmann. Beide gelten als maßgebliche Vordenker der politischen Strömung der Neuen Rechten. Veröffentlicht wurde das genannte Handbuch im Ares-Verlag, der ebenso wie der Regin-Verlag nahezu aus­schließ­lich rechtsextreme Schriften verlegt. Zu den Autoren des Ares-Verlags gehört zum Beispiel auch der bereits erwähnte Alain de Benoit.

    Wer in Fußnoten nach Sekundärliteratur sucht, erwartet selten rechtsradikale Texte. „Offensichtlich überprüft nie­mand die Rezensionen, bevor sie auf der Internetseite der UB angeboten werden“, meint Werner. Seine Entdeckungen reichen sogar über die UB in Leipzig hinaus. „Dieselben Rezensionen sind ebenfalls über die Uni-Bibliotheken in Dresden und Chemnitz ab­rufbar, sofern die Titel sich im jeweiligen Bestand be­finden.“

    Der Direktor der UB Leipzig, Ulrich Johannes Schneider, reagierte mit einer Stellungnahme auf die Entdeckungen und verweist auf die Meinungsfreiheit: „Als Bibliotheksdirektor will ich keine po­litische Zensur ausüben. Natürlich aber wollen wir an der UB wissenschaftliche Standards sichern. Rechtsextreme, geschichtsrevisionistische oder gesellschaftliche Gruppen diffamierende Publikationen werden von uns nicht oder nur zu Forschungszwecken mit eingeschränkter Nutzbarkeit erworben.“ Leander Seige, Leiter der Abteilung Informationstechnik der UB kündigte an, die Angelegenheit „eingehend“ zu prüfen.

    Die Uni Leipzig beschafft sich die meisten ihrer Rezensionen für die UB vom Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Würt­tem­­­berg (BSZ), für das Till Kinzel seine Texte verfasst. Ein Sprecher der BSZ äußerte sich gegenüber student!, indem er alle Vorwürfe entschieden zurückwies: „Das BSZ trifft keine inhaltlichen Entscheidungen über die Wissenschaftlichkeit von Inhalten. Dies obliegt den verantwortlichen Bibliotheken.“

     

    Edit: Nach Veröffentlichung des Artikels hat die Bibliotheksleitung der Universität Leipzig umgehend reagiert und sämtliche Rezensionen von Till Kinzel aus dem Web-Opac gelöscht.

     

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    Foto: Elisabeth Platzer