• Hochschulpolitik
  • „Ich sehe kein Konzept“

    Von René Loch

    Die scheidende Hochschulratsvorsitzende Monika Harms rechnet mit Rektorat ab

    Vor vier Jahren hat sich der Hochschulrat als oberstes Aufsichtsgremium der Universität Leipzig konstituiert. Die ehemalige Generalbundesanwältin Mo­­­­nika Harms übernahm den Vorsitz. Vor Kurzem erklärte sie, ihr Amt Ende Juni niederlegen zu wollen. Über die Gründe für ihren Rücktritt schwieg sie bislang jedoch. Im Gespräch mit den student!-Redakteuren Robert Briest und René Loch wirft sie nun dem Rektorat Ideenlosigkeit und mangelnde Bereitschaft zur Zusammenarbeit vor.

    student!: Vielen Personen dürfte es an einem umfassenden Einblick in den Hochschulrat fehlen. Welchen Aufgaben haben Sie sich in den vergangenen vier Jahren eigentlich gewidmet?

    Harms: Dass niemand Einblick bekommt, liegt daran, dass der Hochschulrat nicht öffentlich tagt. Er wurde vom Gesetzgeber als Beratungs- und Kontrollgremium eingerichtet. Die allgemeinen Auf­ga­ben sind im sächsischen Hoch­schulfreiheitsgesetz (HSG) in Pa­ra­graph 86 formuliert. Als wir 2010 anfingen,  mussten wir uns gleich einer der wichtigsten Aufgaben widmen: einen Nachfolger für den ausgeschiedenen Rektor Franz Häu­­ser zu suchen. Das dauerte wegen der aus unserer Sicht nicht überzeugenden Bewerberlage ein ganzes Jahr. Außerdem waren wir mit der Kanzlerfrage und dem Hochschulentwicklungsplan beschäf­tigt und bemühten uns darum, mit Vertretern der einzelnen Fakultäten zu sprechen, um einen Blick hinter die Kulissen zu bekommen und uns mit den speziellen Problemen vertraut zu machen. Gerade die Kommunikation mit den Studenten gestaltet sich allerdings schwierig, da man aufgrund der kurzen Amtszeiten ständig wechselnde Ansprechpartner vorfindet.

    student!: Fünf der neun Mitglieder des Hochschulrates wurden vom sächsischen Wissenschaftsministerium bestimmt. Welchen Einfluss übt dieses aus?

    Harms: Überhaupt keinen. Das erkennen Sie mit einem Blick ins HSG, in dem geschrieben steht, dass die Mitglieder in ihrer Tätigkeit unabhängig und an Weisungen nicht gebunden sind. Und wenn Sie glauben, dass wir uns von irgendjemandem irgendetwas vorschreiben lassen, dann irren Sie sich. Als Hochschulexterne erlauben wir uns natürlich auch einen anderen Blick auf die Dinge.

    student!: Könnte der Hochschulrat eben diesen Blick nicht stärker nach außen kommunizieren?

    Harms: Unser Gremium ist nicht dazu gedacht, alles, was es diskutiert, herauszuposaunen. Zum Teil sind das ja sehr sensible Themen, wenn es zum Beispiel um Personalien wie den Kanzler geht. Aber im Intranet der Universität gibt es mittlerweile eine Beschreibung unserer Aktivitäten in den vergangenen beiden Jahren. Die meisten Themen, mit denen wir uns beschäftigen, sind für die Hochschulöffentlichkeit vermutlich ziemlich langweilig.

    student!: Ende 2011 wurden die Schließungspläne für das Pharmazieinstitut bekannt. Viele erwarteten damals, dass sich der Hochschulrat öffentlich an die Seite der Uni stellt und gegen die Stellenkürzungen ausspricht. War das eine falsche Erwartung?

    Harms: Die Kürzungen gingen nicht erst vor zwei Jahren los. Seit 2003 existieren Einsparungsvorgaben. Auf diese Gegebenheiten muss man sich einstellen. Was die Pharmazie betrifft, so hat der Hochschulrat den Plänen damals zugestimmt, weil er das Vorgehen des Rektorats für richtig hielt. Es hatte sich dazu entschieden, nicht mit dem Rasenmäher überall zu kürzen, sondern Stellen zu definieren, die schwach sind und deshalb dem Rotstift zum Opfer fallen. An den Streichungen selbst war doch gar nichts zu ändern. Wir müssen kapieren und akzeptieren, dass es bestimmte Rahmenbedingungen gibt.

    student!: Allerdings sind solche Rahmenbedingungen im politischen Entscheidungsprozess veränderbar. Könnte eine starke Stimme wie die des Hochschulrates nicht etwas bewirken?

    Harms: Nein, da überschätzen Sie die Gremien. So funktioniert unsere Demokratie nicht. Man muss mit dem Geld auskommen, das zur Verfügung steht. Da nützt es auch nichts, wenn alle Studenten in Dresden vor dem Ministerium demonstrieren. Stattdessen sollte man mit den gegebenen Rahmenbedingungen kreativ umgehen. Dazu gehört auch die Art der internen Kommunikation. Die Betroffenen der Pharmazie erfuhren von der Streichung ihres Instituts erst einen Tag vorher. Die Archäologen und Theaterwissenschaftler mussten das Kürzungsdiktat des Rektorats sogar der Lokalzeitung entnehmen.

    student!: Hat die Universität ein Konzept, wie mit den weiteren Kürzungsvorgaben umzugehen ist?

    Harms: Ich sehe überhaupt kein Konzept. Ich sehe, dass die Universität in den vergangenen drei Jahren keine gute Entwicklung genommen hat. Ich sehe, dass Stärken, die vorhanden sind, nicht gefördert, sondern eher umgangen werden. Entscheidungen dauern an der Universität unendlich lange. Das Rektorat benötigt Wochen, bis es auf Anschreiben reagiert.

    student!: Im Wirtschaftsplan der Universität für die beiden kommenden Jahre sollen die Stellenkürzungen für die Archäologie und Theaterwissenschaft festgehalten werden. Der Hochschulrat hat diesem Plan auf seiner jüngsten Sitzung die Zustimmung verweigert. Welche Gründe gab es dafür?

    Harms: Ich hatte schon mehrere Wochen vor unserer Sitzung um eine schriftliche Begründung für die Stellenkürzungen gebeten. Es gab auf der letzten gemeinsamen Sitzung mit dem Senat lediglich eine mündliche Begründung seitens der Rektorin – das reicht uns aber nicht. Solange wir keine schriftliche Begründung erhalten, werden wir dem Wirtschaftsplan nicht zustimmen.

    student!: Gab es noch andere Gründe?

    Harms: Wir können im Moment die gesamte wirtschaftliche Situation der Universität überhaupt nicht beurteilen. Das Rektorat hat uns die Jahresabschlüsse der vergangenen drei Jahre noch nicht vorgelegt. Unserer Auffassung nach muss der Wirtschaftsplan aber im gesamten Kontext gesehen werden. Ob uns das Rektorat die Abschlüsse bis zur nächsten Sitzung im Juni nachreicht, kann ich im Moment nicht abschätzen. Aber vor diesem Hintergrund kann ich meine Tätigkeit als Vorsitzende des Hochschulrates nicht mehr verantworten.

    student!: Deshalb legen Sie zum 30. Juni Ihr Amt nieder?

    Harms: Das Amts- und Rollenverständnis zwischen den einzelnen Gremien der Universität, also auch beim Rektorat, ist so wenig ausgeprägt, dass ich von Gesetzes Wegen keine Möglichkeit habe, diesem Treiben irgendwie ein Ende zu bereiten. Der Hochschulrat soll beispielsweise laut HSG eine Stellungnahme zum Jahresbericht des Rektorats abgeben – ich habe bis heute keinen gesehen. Ein anderes Thema ist die Zielvereinbarung, die praktisch ohne den Hochschulrat ausgehandelt wurde, zu der wir aber ebenfalls eine Stellungnahme abgeben sollten. Irgendwann ganz zum Schluss sind wir mal mit einem Papier beglückt worden. Der Hochschulrat war in die Zielverein­ba­rung gewollt und bewusst nicht eingebunden.

    student!: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem anderen großen Gremium der Universität, dem Senat?

    Harms: Die könnte auch besser sein. Der Senat ist ein schwieriges Gremium, in dem etwa Studierende andere Interessen haben als Hochschullehrer. Die Informationen, die wir bekommen, sind eigentlich gleich null. Die Mitglieder des Senats sind zutiefst verletzt, weil ihre Kompetenzen vom HSG beschnitten wurden. Die Dekane sind beleidigt, weil sie keine Voll-, sondern nur noch beratende Mitglieder sind. Einige von ihnen gehen deshalb schon gar nicht mehr zu den Sitzungen. Der Senat besitzt eine Tendenz, sich an Fragen zu ereifern, über die er eigentlich gar nicht zu entscheiden hat, sondern die nur zur Kenntnis gegeben werden. So stellt es sich zumindest mir als Außenstehende dar.

    student!: Im vergangenen Jahr sorgte die gescheiterte Suche nach einem Nachfolger für Kanzler Frank Nolden für viel Aufsehen. Der Hochschulrat hatte damals das Einvernehmen mit einem Vorschlag der Rektorin ver­weigert. War die aus Ihrer Sicht schlechte Zusammenarbeit mit dem Senat dabei auch ein Problem?

    Harms: Wir wurden überhaupt nicht einbezogen. Frau Schücking nahm wohl an, sie könne sich irgendeinen Kanzler aussuchen, nachdem sie Herrn Nolden vom Hof gejagt hat. Dass sie mit ihm auf gar keinen Fall weiterarbeiten möchte, war ziemlich schnell klar. Sie hat dann versucht, außerhalb des Protokolls Personen anzusprechen, die sie für geeignet hielt. Nach dem Ende der Findungsphase haben wir dann verdeutlicht, dass wir mit dem Kandidaten ein Gespräch führen werden. Erst da begriff man wohl, dass der Hochschulrat in diesem Fall wirklich etwas zu sagen hat. Es ergab sich dann sehr schnell, dass der gesamte Hochschulrat den Bewerber nicht für geeignet hielt.

    student!: Der abgelehnte Kandidat Bernd Klöver sprach später von einem Verhör, das seiner Demontage dienen sollte.

    Harms: Nein, das war eine ganz faire, aber natürlich nachfragende Runde. Mit einem Verhör hatte das nichts zu tun. Er war nicht vorbereitet und dachte wohl, er käme zu einer harmlosen Kaffee-und-Kuchen-Runde.

    student!: Für Außenstehende wirkte die Situation wie ein Machtkampf zwischen Rektorat und Hochschulrat.

    Harms: Wir haben hier in dieser Runde den Vorsitzenden des Akkreditierungsrates, den Leiter eines Helmholtz-Zentrums, die De­kanin der Berliner Charité und andere Persönlichkeiten. Und wir haben alle verdammt viel Personalerfahrung. Wir können doch nicht einen Menschen in so ein schwieriges Amt berufen, von dem wir nicht überzeugt sind, nur weil die Rektorin nicht einsehen möchte, dass das kein geeigneter Kandidat ist.

    student!: Seit Juli 2013 ist die Kanzlerstelle nur noch kommissarisch besetzt. Mittlerweile wurde sie bereits zum dritten Mal ausgeschrieben. Wie weit ist das Verfahren?

    Harms: Bis jetzt gibt es keinen neuen Vorschlag der Rektorin. Diesmal hat man aber eingesehen, dass der Hochschulrat von Beginn an eingebunden werden muss. So waren bei den Vorstellungsgesprächen immer Mitglieder von uns dabei. Das Verfahren läuft jetzt also in einer vernünftigen Art und Weise.

    student!: Sie haben viele Konflikte zwischen Rektorat und Hochschulrat thematisiert. In welchen Bereichen hat die Zusammenarbeit denn gut funktioniert?

    Harms: (lange Pause) Ich sehe da nicht viel. Dem Rektorat fehlt es an eigenen Visionen, an Ideen und Kreativität. Es gibt in der Universität sehr viel Resignation und viele Menschen, die sich auf ihr eigenes Arbeitsfeld konzentrieren, aber eben nur darauf.

    student!: Der Hochschulrat ist auch dafür zuständig, Kandidaten für die Wahl des Rektors vorzuschlagen. War Beate Schücking demzufolge die falsche Auswahl?

    Harms: Häufig erkennt man die Qualität nicht anhand von Bewerbungsunterlagen, sondern erst in der konkreten Zusammenarbeit mit einer Person. Es gab ja die Vorgabe, dass mindestens zwei Kandidaten zur Wahl stehen müssen. Der erweiterte Senat hat sich letztlich für die Kandidatin entschieden, die ihm besser gefiel.

     

    Foto: Robert Briest